»Spiegel der einfachen, vernichtigten Seelen, die nur im Wunsch und in der Sehnsucht nach Liebe verharren«, so der volle Titel jener Schrift, die Marguerite Porete [About] gegen Ende des 13. Jahrhunderts in Frankreich abfasste.

In Form eines Streitgesprächs legt sie darin den Prozess einer transformierenden Freundschaft und Liebesgemeinschaft [mit »Gott«], mehr noch aber den Zustand in einem solchen Verhältnis offen. Hauptperson ist die einfache, das heißt, durch die Liebe von allem befreite Seele. [»Seele« meint die ganze Person.] Ihr zur Seite lässt die Autorin über weite Strecken die Liebe zu Wort kommen sowie – beiden gegenüber – den Verstand. Daneben treten weitere Gesprächspartner auf, z. B. die Tugenden, die Furcht oder die Wahrheit.

Bereits im Prolog klingt die religiöse Gefährlichkeit der Schrift an – die Marguerite schließlich zum Verhängnis werden sollte:

»Die Liebe: Hört nun von allerhand kraftvollen Wirkungen der reinen Liebe, der edlen Liebe, der hohen Liebe einer befreiten Seele; wie der Heilige Geist auf sie sein Segel gesetzt hat, als wäre sie ein Schiff. Ich bitte euch inständig um der Liebe willen, spricht die Liebe, gebt gut Acht kraft eures scharfen Geistes und konzertierten Bemühens, denn sonst werden alle, die nun zuhören, selbst aber nicht von jener Art sind, von der berichtet wird, das Gehörte fehldeuten.«

Am Beginn ihrer Ausführungen stellt die Autorin das christliche Liebesgebot, ausgeformt in der kirchlich gelehrten Nächstenliebe, in prägnanten Sätzen vor. Davon aber wird der Spiegel nicht berichten. Nach nur wenigen Absätzen lässt Marguerite die Liebe sich dem eigentlichen Thema zuwenden:

»Die Liebe: Nun gibt es eine andere Lebensweise, die wir Friede der [Nächsten-]Liebe in vernichtigtem Leben nennen. Von diesem Leben, spricht die Liebe, wollen wir jetzt reden, indem wir fragen, ob zu finden sei:
   1 eine Seele,
   2 die gerettet ist durch Glauben ohne Werke,
   3 die einzig in der Liebe besteht,
   4 die nichts tut um Gottes willen,
   5 die nichts unterlässt um Gottes willen,
   6 die man nichts lehren kann,
   7 der man weder etwas nehmen
   8 noch etwas geben kann
   9 und die keinerlei Willen hat.«

Damit spricht die Verfasserin wohl ihre eigene existenzielle Situation an, in der das Locken der Liebe, vielleicht auch eine Art Angebot, schließlich aber das Überkommen der Liebe über ihr Leben entschieden hat. Auf dieser Höhe setzt Marguerites Buch ein. Die Antwort auf die Frage der Liebe tritt sogleich in Gestalt der in Gott verliebten Seele auf, mit einer Ansage, die mehr als irritierend auf die Zeitgenossen Marguerites, vor allem auf die Kleriker, gewirkt haben muss ...
 


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